Windatlas Baden-Württemberg 2019

Wind weht schneller, weil Politik es will. Lesen Sie hier, wie Politik nun auch über die Naturwissenschaft regiert. Eine kritische Betrachtung.


Die Zahl in Baden-Württemberg installierter Windenergieanlagen (WEA) ist verglichen mit den Zahlen anderer Bundesländer klar unterdurchschnittlich. Aufgrund vielerorts geschützter Landschaften und eines eher unterdurchschnittlichen Windaufkommens im Land erscheint das auch nur konsequent.


Eine Untersuchung der grün-schwarzen Landesregierung mit dem Titel „Windatlas 2019“ sorgt nun allerdings für eine echte Überraschung. Die Behauptung geht so: Neue Berechnungen mitsamt Strömungssimulationen hätten ergeben, dass das Windenergieaufkommen im Land an vielen Standorten und Flächen deutlich größer wäre als

bislang bekannt. Aus fachmethodischer Sicht ist eine solche Behauptung jedoch grober Unfug. Das haben die Autoren Ahlborn, Saur und Thorwart in einer im Auftrag des Vereins Vernunftkraft erstellten Studie gut herausgearbeitet. Grob zusammengefasst liegt es so: Selbst im Jahre 2020 ist es unmöglich, die Realität vollständig in Strömungssimulationen abzubilden und umgekehrt. Das kennt im Grunde auch jeder Laie, man braucht dazu nur an die Defizite etwa von Wettervorhersagen zu denken. Auch wenn bei der Windfeldforschung durch computergestützte Strömungssimulationen in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht wurden – gerade bei komplexen Lagen versagt sie noch immer. Und beispielsweise mit dem Schwarzwald liegt hier ein immerhin fast 150 km mal 30 km großes in diesem Sinne komplexes Areal vor. Aus fachmethodischer Sicht lässt sich realiter dafür keine Aussage zum örtlichen Windaufkommen treffen, denn die Strömungsverhältnisse sind dort schlechterdings unkalkulierbar.


Auch die Berichtsautoren des „Windatlas 2019“ waren sich dieses Problems durchaus bewusst, sie sprechen es selbst an. Doch anstatt den fachlichen Regeln folgend diese Flächen aus der Analyse auszuklammern, versuchen sie mit Macht das Erhebungsproblem mittels Schätzungen und Methoden aus der Risikolehre zu überwinden. Das ist schon systematisch falsch, denn auch nach Anwendung solcher Methoden bleiben die realen Strömungsverhältnisse am Berg weiterhin unbekannt. Weshalb sich am angesprochenen

Grundproblem dadurch eben gerade nichts änderte: Nämlich dass die Windfeldforschung derzeit über kein taugliches Grundmodell zur Windfeldberechnung im komplexen Gelände verfügt. Ein untaugliches Grundmodell kann man unter Risikogesichtspunkten modifizieren wie man will, an der Untauglichkeit ändert sich dadurch selbst nichts.


Dessen ungeachtet ist es mit den Risikobewertungen auch immer so eine Sache: Wer die Hintergründe der Subprime-Krise noch in Erinnerung hat, weiß, wie absurd falsch und vor allem wie opportunistisch sie je nach Besteller sein können.


Womit wir direkt bei der zweiten, politischen Dimension des Papiers angelangt wären. Immerhin war Auftraggeber dieses Papiers das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (MUKE), und das MUKE ist nun eben der in Baden-Württemberg oberste Organisator des Windkraftausbaus. Das MUKE hadert schon länger mit dem aktuellen

Ausbaustand in Sachen Windkraft. Immerhin sollen bis 2030 im Land etwa sieben Mal so viele Anlagen wie bisher stehen. Dafür müssten dringend zusätzliche Standorte her, doch das, was unter den derzeit gültigen rechtlichen Rahmenbedingungen an Planungen und Genehmigungen einwandfrei möglich war, wurde in Baden-Württemberg zu großen Teilen schon unternommen. Der „Windatlas 2019“ mit seinen künstlich „hochgejazzten“

Windenergieleistungswerten versucht diese Bedingungen in sehr durchsichtiger Wiese nun auszuhöhlen. Trotzdem werden die Landesbehörden den Willen des MUKE, nach dieser Maßgabe neue Flächen für Planungs- und Genehmigungszwecke nutzbar zu machen, ziemlich sicher exekutieren. Immerhin sind die meisten der dafür zuständigen Landesbehörden dem MUKE direkt unterstellt.


Die Regionalverbände und Standortgemeinden unterstehen dem MUKE dagegen nicht, und sie sind gut beraten, den „Windatlas 2019“ und alle daran anknüpfenden Maßnahmen und Pläne, vor allem aber das Werben von Unternehmen der Windkraftbranche um neue Projekte mindestens kritisch zu sehen. Denn es ist absehbar, dass der windenergetische Nutzen und damit auch die Wirtschaftlichkeit der daraus hervorgehenden Projekte bestenfalls

fragwürdig sein werden; von unwirtschaftlichen Projekte hat eine Standortgemeinde außer Lasten in der Regel nichts.


Es ist ein bei Gemeinderäten und Bürgermeistern weitverbreitete Fehlannahme, dass Unternehmen der Windkraftbranche von sich aus an nur fragwürdigen Standorten kein Interesse haben könnten. Das verkennt, dass nicht alle WEA-Projektierer den von ihnen errichteten Windpark auch selbst betreiben wollen und werden. Es lässt sich inzwischen gutes Geld damit verdienen, dass man errichtete Anlagen gegen Kostenersatz und Gewinnaufschlag an Dritte verkauft. Windparks sind inzwischen eine recht begehrte „Ware“ geworden, seitdem vor allem die „grünen“ Fondsgesellschaften aufgrund des Trends zu ökologisch und ethisch einwandfreien Kapitalanlagen zu viel Geld gekommen sind, das nun auch „artgerecht“ angelegt werden muss. Man neigt dazu, auch diesen Fondsgesellschaften unbedingte Gewinnerzielungsabsicht zu unterstellen, doch die vielen gefallenen Immobilien-,

Film-, Schifffahrts- oder Flugzeugleasingfonds der letzten Jahrzehnte belehren einen eines Besseren. Wenn ein Kapitalmarktzweig modebedingt heiß läuft, kommt es schnell zu der immer gleichen Fehlentwicklung: Einer ständig zunehmenden Menge an Kapital steht schnell eine nicht mehr genügende Zahl an hochwertigen Projekte gegenüber.

Der Investmentdruck steigt, und das Geld sucht sich immer zweifelhaftere (von willfährigen Dienstleistern trotzdem mit besten Testaten versehene) Projekte, bis der Fonds irgendwann kollabiert. Zurück bleiben geprellte Investoren und Vertragspartner. Diese Erfahrungen sollten jedem Gemeinderat und Bürgermeister eine Warnung sein.


Rechtsanwalt Sven Staehlin, LL.M.



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